KUBA: Die Kunst des Überlebens

brand eins Wirtschaftsmagazin, Juli-Heft 2020:

KUBA: Ein Blick hinter die Kulissen

© Martina Miethig, Cadillac-Oldtimer mit Möhren in Kuba
© Martina Miethig, Kuba, Cuba privado: Die Kunst des Überlebens, Schwarzmarkt, Oldtimer vollgeladen mit Möhren in der Provinz Kubas

Das angesehene Hamburger Wirtschaftsmagazin brand eins will in seinem Juli-Heft mit dem Schwerpunkt »Unternehmer-Zeiten« zeigen was möglich ist, in Krisenzeiten, mit oder ohne Corona. Wie Selbständigkeit auch ohne Konjunkturpakete und Selbstmitleid funktioniert zeigen einige Unternehmer-Seiten aus aller Welt. brand eins-Chefredakteurin Gabriele Fischer fragt sich: »Vielleicht hilft der Blick nach Kuba. Dort ist unternehmerisches Denken überlebensnotwendig. Und: Die Freude am Leben. Was Kubaner sich einfallen lassen, um über die Runden zu kommen, erzählt unsere Autorin Martina Miethig am Beispiel ihrer Familie, Freunde und Bekannten.«

Zur Kuba-REPORTAGE »Die Kunst des Überlebens«, LESEPROBE:

Wirtschaftsmagazins brand eins (Juli-Heft).

 

 

 

 

Die Kunst des Überlebens: »Trabajamos por la victoria!« – Wir arbeiten für den Sieg!

Hier geht´s ums illegale und legale Geldverdienen im Sozialismus, landestypisch und untypisch: zum Beispiel der »Börsianer«, ein Schweinedealer, ein bici-taxista, eine Vorarbeiterin auf dem Bau und lauter Strohmänner. . . Kurzporträts von »normalen« Kubanern mittendrin im Alltag einer fast ausländerfreien Provinzstadt – denn bei uns im Städtchen läuft alles sehr viel langsamer und ein paar Nummern kleiner als im »neuen Havanna«, das von hier aus Lichtjahre entfernt scheint.

brand eins-(Textauszug) LESEPROBE-2 (urheberrechtlich geschützt):

»Wir sind verabredet mit einer Jugendfreundin von meinem Mann. Amalia hat sich schon immer ein paar Pesos privat dazuverdient – mit ein bisschen afro-kubanischem Hokuspokus wie er in Kuba alltäglich ist, z.B. einer Weissagung: Sie wirft dann ein paar Muscheln und Kokosschalenstücke auf ein Tuch am Boden, pafft ihre halb abgebrannte Zigarre, bläst den Rauch wie eine alte Dampflok Richtung Zimmerdecke und blickt so für ihre meist weiblichen Kunden – die glauben ihr Mann betrüge sie – mit den Afro-Göttern in die Zukunft.

Wer jetzt eine dicke Santería-Priesterin in weiß-wallendem Folklore-Gewand vor Augen hat, schwarz wie die Nacht, der wird enttäuscht sein. Amalia ist hellhäutig weil spanischer Abstammung, hübsch und schlank mit blitzend-blauen Augen und trotzdem eine Kubanerin jenseits der Klischees: Die gelernte Buchhalterin hat schon früh nebenher auf Baustellen gearbeitet und sogar ihr eigenes Haus ausgebaut – learning by doing, da fiel dann auch schon mal eine Hauswand plötzlich in sich zusammen. Heute arbeitet die quirlige Kubanerin als fest angestellte Vorarbeiterin an wechselnden Montage-Projekten, zum Beispiel beim Bau von Devisen-Kaufhäusern der Staatsfirma Tiendas Panamericanas. Sie verdient mit gut 150 Euro nach Steuerabzug das Vierfache der üblichen Staatsgehälter und ist zufrieden. »Ich habe einen tollen Job«, sagt Amalia strahlend, »ich werde gut bezahlt und komme auch noch gut und günstig an Baumaterialien ran. . .«